
Fragt man einen Theaterkritiker nach dem Unterschied zwischen Berufsschauspieler und Amateur, dann wird er sagen:
"Wenn beide eine Million im Lotto gewinnen, so wird der Berufsschauspieler endlich die Plackerei beenden und sich ins Private zurückziehen.
Der Amateurschauspieler dagegen wird sich mit dem Geld ein Theater bauen."
In diesem Sinne öffnet sich Jahr für Jahr der Vorhang für eine neue Spielzeit im Zimmertheater Detmold.
Seit über 25 Jahren stellt das Ensemble des Zimmertheaters jährlich ein bis zwei Stücke auf die Bretter, die auch in Detmold die Welt bedeuten.
Doch Theater gespielt wurde schon seit 1972.
Da gründete sich nämlich ein Volkshochschulkurs, aus dem im Laufe der Zeit drei unterschiedliche Theatergruppen wurden, von denen nur das Zimmertheater "überlebte". Vielleicht, weil das Zimmertheater, damals noch Studio 3 genannt, sich mehr und mehr der Komödie verschrieben hatte.
Im Jahre 1982 durfte Studio 3 in das zum Abriss verurteilte alte Mädchengymnasium einziehen und den Chemiesaal zu einem 70-Plätze-Theaterchen umbauen.
Im nun mehr festen Theater wurde das Zimmertheater Detmold als Verein gegründet.
Die Vorsitzende war Rosi Oberhoff-Kunow. Die Atmosphäre war unbeschreiblich anziehend.
Noch heute gibt es Zuschauer, die davon schwärmen.
Nach drei überaus erfolgreichen Jahren musste wegen des Abrisses umgezogen werden. Die Suche nach einem neuen Domizil war nicht leicht. Zum Glück waren Sprachlabors in Schulen außer Mode geraten, gerade als der Neuanbau des Grabbe-Gymnasiums kurz vor der Fertigstellung stand.
So blieben die Räume unvollendet und unbenutzt.
Nach langen Verhandlungen mit der Stadt Detmold wurden die Räume den Entwürfen des Zimmertheaters entsprechend unter der Leitung von Heinz-Wilhelm Wehrmann zu einem 90-Plätze-Rohbau-Theater ausgebaut und in mühsamer, monatelanger Kleinarbeit vom Ensemble in eine Spielstätte verwandelt.
Die komplette Bühne mit Technik, der aufsteigende Unterbau des Zuschauerraums, die Bestuhlung... Alles wurde in Eigenarbeit - teilweise mit Unterstützung von Fachleuten - selbst gebaut.
Der Vorsitz hatte inzwischen zu Reiner Woop gewechselt, der bis 2001 das Theater erfolgreich leitete.
Überwiegend sind unsere Stücke Boulevardkomödien, die "leichte Muse", die doch so schwer zu spielen ist. Die Kunst der Boulevardkomödie besteht darin, die Geschichte so ernst zu nehmen wie ein Drama und die Figuren zu echten Menschen und somit glaubwürdig zu machen - und dann muss das Ganze auch noch locker, luftig, leicht daher kommen, anregend wie ein oder zwei Glas Champagner...
Im besten Fall regt es auch noch zum Nachdenken an, wie zum Beispiel unsere Komödien "Der Kontrabass", "Die dicke Freundin" , "Der Neurosenkavalier", "Der Freund von nebenan" und "Eine Herzensangelegenheit".
Doch auch mit ernsten Stücken befasste sich das Zimmertheater: "Der Veteran" behandelt die Vietnamkriegsproblematik, in Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" philosophiert ein Affe über Freiheit, und in Mrozeks absurd-skurrilen Kurzstücken "Karol" und "Auf hoher See" geht es um den alltäglichen Faschismus.
Alle Komödien waren immer auf Monate hinaus ausverkauft. Der Vorverkauf für eine Spielzeithälfte war in zwei bis drei Stunden erledigt, bis wir eine Begrenzung auf eine feste Anzahl Karten pro Person einführten. Nun waren wenigstens ein bis zwei Wochen lang Karten zu bekommen... Doch die allgemein beklagte Zurückhaltung der "Konsumenten" wirkt sich auch im Theaterbereich aus. Der bundesweite Trend, an allem, so auch an Theaterbesuchen zu sparen - sogar bei Komödien - schlägt auch bei uns durch. Zwar ist weiterhin jede Vorstellung ausverkauft, aber es gibt inzwischen doch über mehrere Wochen hin Karten. Das bedauern wir aber nicht besonders, denn nun haben auch Leute, die sich erst etwas später entschließen, eine echte Chance auf eine Karte.
Jedes Jahr besuchten uns bisher rund 5.000 Zuschauer, es wollten aber gern noch mehr kommen.
So machten wir am Ende jeder Spielzeit ein paar Vorstellungen auswärts, die ersten Jahre im
Bad Meinberger Kurtheater (700 Plätze, drei Vorstellungen hintereinander, immer ausverkauft!), dann vier Jahre in der Stadthalle Detmold, die auch in jeder Vorstellung voll besetzt war. Da sich aber abzeichnete, dass dies so nicht bleiben würde (siehe voriger Absatz!), haben wir beschlossen, nun im Januar zum Abschluss eines Stückes mehrere Vorstellungen im Zimmertheater hintereinander zu spielen.
In unserem Jubiläumsjahr 2002 (zwanzig Jahre!) betraten wir ein wenig Neuland. "Ballettratten" war zwar eine Komödie, aber vor allem ein Krimi und er spielte im Jahre 1905! Drei Gründungsmitglieder waren auf der Bühne zu sehen:
und Bernhard Staercke als Regisseur. Volker Bam als Mr. Golightly, seit 1985 dabei, zählt ebenfalls schon lange zu den "alten Hasen".
Die Bühnen-Lichttechnik wurde in jenem Jahr in vielen Stunden von Peter Deppe und der Firma Steinmeyer auf einen modernen Stand gebracht. Ohne diese Modernisierung wäre "Ballettratten" nur schwer zu realisieren gewesen. Bei den Kostümen und Möbeln bekamen wir die Unterstützung des Landestheaters Detmold, das uns schon mehrfach geholfen hat.
Im Jubiläumsjahr 2007 (25 Jahre Zimmertheater) wollten wir eigentlich ein Stück mit möglichst allen Darstellerinnen und Darstellern auf die Bühne bringen. Das war natürlich kaum möglich. In "Schlüssel für zwei" waren es aber immerhin sieben.
Seit 2007 haben sich im Laufe der Jahre eine Reihe junge Interessenten gemeldet, die gern Theater spielen möchten. Zwei hatten sich schon mehr oder weniger stark in die Routinearbeit hinter der Bühne eingebunden.
2008 konnten sie auch auf der Bühne stehen. 2009 bewährten sich nun drei weitere Nachwuchsspieler vor den Zuschauern. Das erste Mal in der Geschichte des Zimmertheaters konnte (musste) der Regisseur in "Ein toller Dreh" 12 Personen auf der Bühne bewegen, weil genügend Schauspielerinnen und Schauspieler in allen Altersklassen zur Verfügung standen.
Der Generationenwechsel vollzieht sich nun auch im Zimmertheater.
Im Jahre 2010 gab es etwas Neues: Wir beschlossen, unsere Spielzeiten ungefähr an die regulären Theaterspielzeiten anzupassen. Das bedeutet: Probenstart im Sommer, Premiere im Herbst.
Und noch etwas Neues gab es: Das erste Mal interessierte sich ein junger Mann mit kurdischem Migrationshintergrund, Berces Özden, dafür bei uns mitzuspielen. Es gab auch gleich ein passende Einsteigerrolle für ihn: die Leiche in der Komödie "Außer Kontrolle", die er - obwohl ein Anfänger - glänzend meisterte. Die Kartennachfrage war so groß, dass wir die Spielzeit verlängern mussten.
Viele Mitglieder des Zimmertheaters sind im Laufe der Jahrzehnte gegangen, ein paar mehr allerdings gekommen. So haben wir heute etwa so viele Mitglieder wie Bestandsjahre. Nicht alle wollen auf der Bühne stehen, einige bleiben lieber im Hintergrund und machen die vielen anderen Arbeiten wie Bühnenbau, Malerei, Abendbetreuung, Kartenverkauf, Souffleuse, Technik, Requisite, Maske...
Theater funktioniert nur im Team, besonders aber ein Amateurtheater, das unter Profi-Bedingungen spielt mit eigenem "Haus", festem Spielplan, Kartenvorverkauf usw.
Dank der stetigen Unterstützung durch die Stadt Detmold konnten wir bisher unbesorgt in die Zukunft blicken und die Eintrittspreise auf einem für alle Zuschauer erfreulich niedrigen Niveau halten. Hierfür unseren besonderen Dank!
Wir hoffen auf Ihren Zuspruch und Ihre Treue! Wir jedenfalls werden auch in Zukunft alles tun, damit Sie, die Zuschauerinnen und Zuschauer, im Zimmertheater Detmold einen heiteren, unbeschwerten Abend erleben, der Ihnen Kraft für den Alltag gibt.
